MONTAGSRADIO: Wann war Ihre erste ernsthafte Beschäftigung mit Politik oder Zeitgeschichte (Schlüsselerlebnis, polit. Ereignis)?

Es ist ziemlich rückwärtsgewandt und vermutlich nicht interessant für Sie, aber was mich nachhaltig und schon seit jeher beschäftigt hat, war der Stalinismus, der ja unmittelbare Auswirkungen auf meine Familie hatte. Allerdings kann ich den Beginn der Auseinandersetzung nicht datieren. Ich wusste gewissermaßen schon “immer”, dass mein Vater unschuldig im Lager gewesen war. Das ist der Ursprung meiner politischen Haltung.

MONTAGSRADIO: Welches Buch lesen sie gerade?

Die Tagebücher von Fritz J. Raddatz, und obwohl Raddatz von vielen für seine Indiskretionen, für seine Eitelkeit, seine Geschwätzigkeit gescholten wird, erzählt das Buch sehr interessant über die Rückseite der deutschen Kulturlandschaft in den 80er und 90er Jahren. Übrigens ist es auch witzig und durchaus selbstironisch.

MONTAGSRADIO: Welche war Ihre erste und Ihre letzte Demonstration?

Meine erste Demonstration war natürlich eine Mai-Demonstration in Berlin. Ich war vier Jahre alt und begeistert. Die letzte Demonstration, auf der ich war, fand auf dem Alexanderplatz statt und richtete sich gegen Sozialabbau und Finanzkrise. Ich bin dem Kapitalismus (diesem Kapitalismus!) gegenüber sehr kritisch eingestellt. Dennoch sind mir die Auftritte orthodoxer Linker dort in sehr unangenehmer Erinnerung. Ich weiß nicht, ob man an der Stimme hört, dass jemand nichts aus der Geschichte gelernt hat. Ich glaubte das jedenfalls aus dem Gekreische einiger linker Redner zu herauszuhören.

MONTAGSRADIO: Welche historische Person hätten Sie gerne persönlich kennengelernt, gesprochen, interviewt?

Meist ist es eine Enttäuschung, wenn man Menschen kennlernt, deren Werk man bewundert. Ich hätte gern ein Konzert von Wladimir Wyssozki gesehen, die Uraufführung eines Stückes von Aischylos, vielleicht hätte ich Heinrich Schliemann gern bei seiner ersten Reise nach Troja begleitet. Tolle Leute, die ich aber nicht so gern begleitet hätte, sind auch Fridtjof Nansen oder Antoine Saint Exupéry

MONTAGSRADIO: Wo und zu welcher Zeit hätten Sie gerne gelebt und warum?

Früher habe ich immer bedauert, dass ich nicht zu Zeiten der Studentenrevolten und der Rockmusik im Westen großgeworden bin. Dieser Wunsch ist in dem Maße verschwunden, wie ich mein Leben angenommen habe, und begriffen habe, dass ich in einer durchaus interessanten Epoche lebe.

MONTAGSRADIO: Über was haben Sie sich zuletzt empört und warum?

Es gibt ja kein Thema, bei dem nicht irgendwann ein Besserwisser kommt, der das Gegenteil behauptet. Selbst, dass sie Leute gegen ihre Verdrängung aus einem Stadtbezirk wehren, findet irgendwann irgendwer spießig. Ich erlebe die Gentrifizierung am Prenzlauer Berg. Meine – städtische! – Wohnbaugesellschaft (GEWOBAG) hat bei uns innerhalb von 3 Jahren zwei mal um 20 % die Miete erhöht. Die Bevölkerung fliegt hier raus, die Rechtsanwälte und Beamten kommen, und irgendwann ist es hier genau so langweilig, wie da, wo sie herkommen. Und das finde ich Scheiße, auch wenn ich kein Mittel dagegen weiß. Das ist tatsächlich Kapitalismus.

MONTAGSRADIO: Welche Arbeit könnten Sie sich alternativ zu ihrer aktuellen vorstellen?

Gern wäre ich Musiker geworden und bewundere bis heute Menschen, die ein Instrument perfekt beherrschen.

MONTAGSRADIO: Welches ist Ihrer Meinung nach das am meisten unterschätzte politische Ereignis der letzten 50 Jahre?

Ich bin kein Politikwissenschaftler und will mich nicht als ein solcher aufspielen. Worüber ich mich am meisten ärgere, ist, dass nicht bemerkt wird, wie die Demokratie verfällt. Ich weiß nicht, ob man dem Wähler jede Entscheidung überlassen muss. Aber was seit langem schleichend stattfindet, ist furchtbar: Fraktionszwang, Lobbyismus, Macht des Kapitals, Geheimdiplomatie, Gekungel in irgendwelchen Ausschüssen und vor allem und als erstes, dass man Demokratie mit Mehrparteiensystem verwechselt. Unser heutiges Parteiensystem untergräbt die Demokratie. Man sollte die politischen Parteien in der heutigen Form abschaffen.

MONTAGSRADIO: Welche sind Ihrer Meinung nach die drei prägnantesten Bilder der Zeitgeschichte der letzten 10 Jahre?

Ich bin kein Mensch der Bilder, zumindest sehe ich so gut wie nicht fern. Dennoch gibt die Bilder, die ich in der Zeitung oder im Internet sehe. Schwer zu ertragen sind Bilder davon, was wir unserer Umwelt und anderen Lebewesen antun, ich denke zum Beispiel an ölverseuchte Wasservögel, aber auch Bilder davon, was Menschen Menschen antun, so zum Beispiel die Videos von Terroristen, in denen sie ihre hilflosen Geiseln vorführen. Eines der Bilder, die mich sehr, sehr stark berührt haben, war das Bild eines irakischen Soldaten, der tot im Schützengraben lag – mit einer weißen Fahne in der Hand.

MONTAGSRADIO: Wer oder was wird Sie in den nächsten 10 Jahren am meisten beschäftigen?

Ich bemerke an mir eine gewisse Rückwärtsgewandheit. Ich würde der gegenwärtigen Welt Entschleunigung, Besinnung, Mäßigung verschreiben. Gleichzeitig bin ich mir darüber bewusst, dass alle politischen, technischen, sozialen Errungenschaften seit dem Mittelalter den Vorwärtsgewandten zu verdanken ist. Ich denke, dass mich dieser Widerspruch schon lange beschäftig und noch lange beschäftigen wird.